Vor einigen Jahren galt Island als die Entdeckung schlechthin: Geysire, Polarlichter, dramatische Vulkanlandschaften. Dann kamen die Massen, und mit ihnen stiegen Preise und Erwartungsdruck. Wer heute das ursprüngliche Staunen sucht, das Island einmal ausgelöst hat, sollte in den Atlantik schauen – aber weiter südlich. Die Azoren, ein portugiesisches Archipel rund 1.500 Kilometer vor der europäischen Küste, bieten vieles von dem, was Island berühmt gemacht hat – und deutlich mehr Ruhe dabei.
São Miguel, die größte der neun Inseln, ist das Herzstück. Von oben sieht sie aus wie ein Smaragd im Ozean: sattgrüne Hügel, Kratterseen in tiefstem Blau und Grün, dampfende Erdöffnungen entlang der Straßen. In Furnas, einem kleinen Tal im Osten der Insel, kochen die Thermalquellen unmittelbar unter der Erdoberfläche. Im Boden des Caldeirão-Sees werden traditionell Töpfe mit Eintopf vergraben – der sogenannte Cozido das Furnas gart dort über Stunden im geothermischen Dampf und gehört zu den außergewöhnlichsten Gerichten der europäischen Küche. Abends sitzen die Einheimischen in den mineralreichen Außenbecken der Thermen von Terra Nostra, umgeben von einem prächtigen botanischen Garten aus dem 18. Jahrhundert.
Was Island für Walbeobachtungen bekannt gemacht hat, liefern die Azoren in noch größerem Umfang. Vor São Miguel kreuzen sich wichtige Wanderrouten von Blauwalen, Pottwalen und mehreren Delfinarten. Die Saison dauert von April bis Oktober, die besten Monate sind Mai und Juni. Anders als in manchen überlaufenen Whale-Watching-Destinationen arbeiten die azoreanischen Betreiber mit kleinen Booten und strengen Abstandsregeln – die Tiere werden kaum gestört, die Sichtungen bleiben unvergesslich. Vigia-Posten, bemannte Aussichtstürme aus der ehemaligen Walfangindustrie, werden heute von Lookouts genutzt, die die Koordinaten per Funk an die Boote weitergeben.
Wanderer finden auf São Miguel ein Netz aus Trails, das jeden Anspruch bedient – von gemächlichen Spaziergängen um den Sete Cidades-Krater, dessen Doppelsee in Blau und Grün leuchtet, bis zur anspruchsvollen Küstenwanderung im Osten der Insel. Im Gegensatz zu Island sind die Wege selten überfüllt. An einem Dienstag im September kann man stundenlang wandern, ohne einer anderen Menschenseele zu begegnen. Die Wege sind dabei gut markiert, die Infrastruktur solide, die Preise für Unterkünfte und Restaurants im Vergleich zu Island geradezu bescheiden.
Das Erstaunlichste an den Azoren ist der Kontrast: schwarze Lavafelder, auf denen Hortensien in violettem Überschwang blühen; Kühe auf sattem Grün mit dem Atlantik im Hintergrund; ein Fischerdorf, in dem die Zeit seit den 1970ern kaum vorangeschritten scheint, und zwanzig Kilometer weiter ein modernes Spa-Hotel mit Meerblick. Die Azoren sind nicht Island – sie sind etwas Eigenes, Unwiederholbares. Wer jetzt kommt, kommt noch früh genug, um das zu spüren.
Was man wissen sollte
- 01Beste Reisezeit Mai bis Oktober: Die Azoren sind ganzjährig bewohnbar, doch Sommer und Frühherbst bieten die zuverlässigsten Wetterfenster. Mai und Juni sind ideal – weniger Besucher, grüne Landschaft, aktive Walsaison.
- 02Whale Watching früh buchen: Die besten Veranstalter sind rasch ausgebucht. Kleine Boote mit maximal zehn Personen bieten das authentischste Erlebnis. Mehrere Betreiber haben Geld-zurück-Garantien bei ausbleibenden Sichtungen – was selten vorkommt.
- 03Cozido das Furnas unbedingt probieren: Das im Erdreich gegarte Eintopfgericht ist ein Muss. Die Restaurants um den Parque Terra Nostra servieren es täglich – Reservierung wird empfohlen, das Gericht hat Kultstatus.
- 04Direktflüge ab Frankfurt: Azores Airlines und TAP fliegen São Miguel direkt an. Die Flugzeit beträgt rund drei Stunden – vergleichbar mit einem Flug nach Athen, aber deutlich weniger Konkurrenz am Zielort.
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